Heroes of Vermittlung. Vom Versuch in einer Ausstellung zu singen und der produktiven Wendung des Sich-Entziehens

»I call you when I need you, my heart’s on fire«

Der spanische Künstler Carles Congost startete im Rahmen der Manifesta 11 eine Projektarbeit mit Roland Portmann, dem Leiter des Bereichs Kommunikation, Schutz und Rettung Zürich. Entstanden ist »Simply the Best« (2016), ein Film, der sich am Beispiel eines jungen Feuerwehrmanns mit der Relevanz des Individuums in der Gesellschaft und der Arbeitswelt, auferlegten Rollen und den damit verbundenen Erwartungen sowie dem
Wunsch, sich diesen zu entziehen, auseinandersetzt.

Der Film montiert dokumentarische Passagen mit surrealen Verweisen auf unterschiedliche Musikstücke sowie einem Gospelchor, der scheinbar in keiner Beziehung zu den übrigen Elementen steht. Dieser singt – anstatt von einem christlichen
Heilsbringer – von dem Wunsch, sich dem auferlegten Druck der Arbeitswelt zu entziehen: Financial Independence / Retiring Early.

Während der Song von Tina Turner ebenfalls einen Lobgesang darstellt, wird von zwei Feuerwehrmännern in deren Mensa »Hero« von Family of the Year gesungen, der von dem Wunsch erzählt, sich auferlegten Rollen und damit verbundenen Erwartungen zu entziehen.

 

»Let me go, I don‘t wanna be your hero«

Was passiert, wenn die Gesellschaft uns innerhalb der Arbeitswelt Rollen auferlegt und Erwartungen an uns stellt, die wir gar nicht erfüllen wollen? Was ist, wenn die Gesellschaft von uns mehr erwartet, obwohl wir eigentlich nur wie jeder andere unseren Beitrag leisten wollen? Fragen, die im Mittelpunkt des in der Projektarbeit entstandenen Films stehen und die zum Ausgangspunkt für ein Vermittlungsmodell werden können.

Auch in weiteren filmischen Werken von Carles Congost, wie zum Beispiel »Un Mystique Determinado« (2003), stehen Themen wie Rollenzuschreibungen, Erwartungen, Druck, Leidenschaften und Selbstverwirklichung, sowie zwischenmenschliche Beziehungen und Emotionen im Mittelpunkt, werden in Songtexten oder Statements behandelt und gegenübergestellt. Durchgängig arbeitet der Künstler dabei in seinen audiovisuellen Werken über die Wirkung von zumeist eigens von ihm entwickelter Musik.
Der dokumentarische Charakter seiner inszenierten Filme wird, wie auch in »Simply the Best«, gebrochen durch Mittel der Fiktion, Collage und Montage. Seine Werke, auch im Bereich der Fotografie, bewegen sich dadurch auf einer Ebene bedeutungsaufgeladener Skurrilität, die Betrachterinnen und Betrachter irritiert, jedoch gleichermaßen in den Bann zieht.

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Abb. 1: Spontane Prüfungssituation.

 

»Speak the language of love like you know what it means«

Pierangelo Maset spricht eine Vermittlung über das »Herstellen von Anschlüssen«1 an. Das heißt, Zugänge zu »bestimmten Schichten oder Ebenen eines künstlerischen Konzepts«2 sollen über Anschlussmechanismen erschlossen werden. Die Musik als zentraler Träger inhaltlicher Aussagekraft des Werkes »Simply the Best«, die Interaktion zwischen den beiden Songtexten von Family of the Year und Tina Turner, sowie der Moment des ge-
meinsamen Singens soll für die Vermittlung aufgegriffen werden.

Angestrebt wird der Versuch einer performanceartigen Übersetzung der Gesangsszene zwischen den beiden Feuerwehrmännern auf unsere Gruppe in der Löwenbräukunst. Die Vermittlung soll stattfinden, ohne dass die Gruppe das Kunstwerk vorher kennengelernt hat. Es soll um eine Fremd- und Selbsterfahrung gehen, auf deren emotionale und körperliche Komponente beim anschließenden Rezipieren des Filmes zurückgegriffen werden kann. Dazu werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in zwei Gruppen aufgeteilt. Eine Gruppe bekommt den Songtext von »Simply the Best«, eine zweite erhält den Songtext von »Hero«; beide mit der Aufgabenstellung, sich mit dem Text vertraut zu machen, um das Lied später gemeinsam singen zu können. Anschließend wird nach einem geeigneten Platz in der Löwenbräukunst gesucht. Mehrere in das Museum integrierte Cafés
bieten hier eine Analogie zu der Mensa, in der die beiden Männer im Film gemeinsam singen – Orte des Aufeinandertreffens, der Interaktion.

Was passiert, wenn nun eine Gruppe mitten im Museum plötzlich anfängt zu singen? Werden wir auch merkwürdig angeguckt, so wie die Feuerwehrmänner in der Mensa? Bleibt es bei einem zurückhaltenden Summen? Wenn ja, wieso geht es uns dann nicht so, wie den beiden Feuerwehrmännern im Film, die sich gegenseitig in ihrem Wunsch vorantreiben? Möchten wir uns auch der uns innerhalb der Vermittlung auferlegten Rolle entziehen? Ein Experiment, das unversucht blieb.

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Abb. 2: Gemeinsames Essen im Rivera Imbiss.

 

»You‘re simply the best, better than all the rest«

Wie gehe ich als Kunstvermittlerin um mit einem Mangel an Informationen über das Kunstwerk, das ich einer Gruppe näherbringen soll? Ratlosigkeit, Überforderung, Problem – oder doch Chance? Nachdem wir gemeinsam den Film angeschaut hatten, begaben wir uns zu einer Treppe im Hinterhof der Löwenbräukunst, die sich – im Gegensatz zum Kinosaal – als Ort des gemeinsamen Reflektierens und Diskutierens eignete. Die Tatsache, dass ich mich in Bezug auf mein Wissen über das Kunstwerk auf dem selben Level wie die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer befand und mich dementsprechend auch
mitten in der Gruppe positionierte, entpuppte sich durchaus als gemeinsamer fruchtbarer Moment. Jegliche Barrieren, Verunsicherungen, die durch unterschiedliche Maße an Wissen
entstehen können, blieben aus. Über Fragen wurde sich dem Kunstwerk nach und nach angenähert. Es konstruierte sich aus der Situation heraus über unterschiedliche Perspektiven, Ansichten und Meinungen innerhalb der Gruppe ein umfassender
Austausch an Überlegungen zum Kunstwerk.

Wieso fand die Darbietung des Films in einem Kinosaal statt? Andere filmische Werke, die in der Löwenbräukunst zu sehen waren, wurden entweder inmitten eines Ausstellungsraumes über einen Fernseher gezeigt, oder auf Leinwänden präsentiert,
die sich in kleinen abgetrennten Räumen ohne Sitzgelegenheiten befanden. Die Vorstellung von »Simply the Best« in einem Kinosaal hob sich also als einmalig deutlich von allen anderen audiovisuellen Werken ab.

Die Atmosphäre eines Kinosaals, die über die Bequemlichkeit der Sitzgelegenheiten und das gedimmte Licht transportiert wird, simuliert eine Situation der Privatheit im Öffentlichen.
Besucherinnen und Besucher nehmen im Großteil der filmischen Darbietungen in Kinos eine konsumierende Rezeptionshaltung mit der Erwartung, ohne große Herausforderungen unterhalten zu werden, ein. Der Anspruch des Films von Carles Congost jedoch scheint diese Vorstellung eines leichten Rezipierens zu übersteigen. Die Bedienung der Gattung des fiktionalen Dokumentarfilm ist nur eine von vielen Zutaten des Films, die anregen, gar auffordern, sich den Problematisierungen im Film zu stellen. Hier wird eine Analogie zwischen der Verflechtung von Privatheit und Öffentlichkeit im Kinosaal und der Relation
des Privaten und Öffentlichen der Arbeitswelt als Sujet des Films eröffnet.

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Abb. 3: Ganz bei sich? Die Außenwelt zuviel?

 

»I don‘t wanna be a big man«

Der Zwiespalt zwischen der Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft im Rahmen einer Berufung in einer öffentlichen Institution und dem Wunsch, ein fehlbarer Mensch – wie jeder andere – sein zu dürfen, wird in »Simply the Best« offen thematisiert.
Ebenso wie die Diskrepanz zwischen der finanziellen Notwendigkeit einer beruflichen Verpflichtung und dem Wunsch nach der Erfüllung privater Träume und Zukunftsvorstellungen. Carles Congost hat in seinem Beitrag zur Manifesta 11 keine Scheu
gehabt, die Thematik »What People Do For Money« offensiv und kritisch anzugehen. Er eröffnet am Beispiel von Einzelschicksalen eine zentrale Problemstellung, die wohl jedem Betrachter, der sich einmal in der Arbeitswelt verortet (hat), vertraut sein dürfte und bringt dies auf den Punkt. Ein Grund, weshalb sein Kunstwerk – womöglich stärker als manch andere künstlerische Beiträge – bei vielen Besuchern einen nachhaltigen Eindruck
hinterlassen hat.

Es ist zu erwarten, dass einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Vermittlungsmodells des gemeinsamen Singens die Erwartungen der Vermittlerin nicht erfüllen können oder
möchten. Verweigerung erscheint die angemessene Strategie. Auch an mich wurden Erwartungen als Vermittlerin gestellt, die ich nur in Teilen einlösen konnte. Das Uneigentliche dieser Situation führte aber nicht zu einem Konflikt, sondern eröff-
nete den Raum der gemeinsamen Arbeit: So hat auch bei mir die offene und spontane Kollaboration der Gruppe mit mir als Vermittlerin einen bleibenden Eindruck hinterlassen, den ich hier mit einem einfachen Satz, aufgenommen am »Pavillon of
Reflections«, festhalten möchte:

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Abb. 4: »Das ist schon cool.«

 

»mitunter habe er sich stundenlang treiben lassen«

Wie würde es aussehen, wenn wir uns als Gruppe einem anderen Kunstwerk über die aktive Umsetzung eines enthaltenen Textes annähern würden? Jorinde Voigt bezieht sich in ihrer
Zusammenarbeit mit dem Zürcher Bootsbauer Melchior Bürgin von Stämpfli Racing Boats auf eine Textstelle aus Peter Sloterdijks »Streß und Freiheit«, in der dieser beschreibt, wie sich Jean-Jacques Rousseau auf dem Bieler See in einem Ruderboot einem Moment der Meditation hingab:

»An manchen sonnigen Herbsttagen war der verfolgte Autor, inzwischen zur Ruhe gekommen und vom Charme der stillen Insel bezaubert, mit einem Ruderboot auf den See hinausgefahren. Irgendwo weit draußen ließ er die Ruder sinken und legte sich rücklinks auf den Boden des Boots, um sich seiner liebsten Beschäftigung hinzugeben. Er überließ sich einem inneren Driften, das der Autor mit dem Wort rêverie, Träumerei, umschrieb. Man könnte dieses seelische Fließen, das an keinem Thema haftet, auch als ungegenständliche Meditation bezeichnen – im europäischen, nicht im fernöstlichen Sinn des Ausdrucks. Rousseau sagt selbst, mitunter habe er sich stundenlang treiben lassen,
dabei sei er in Träumereien versunken, die keinen eigentlichen Gegenstand hatten und ihm doch hundertmal süßer waren, als alles, was man gemeinhin die Freuden des Lebens nennt.«3

Was geschieht mit uns und unserer Werkrezeption, wenn wir uns im Museumsraum hinlegen und in einen meditativen Zustand versetzen oder gar eine tänzerische Choreografie entwickeln, die Rousseaus abschweifende Gedankengänge, seine Träume-
reien, darstellt? Ein interaktiver Vermittlungsansatz, der im Hinblick auf zukünftige Exkursionen vielleicht intensive Werkerfahrungen, vielleicht aber auch Momente der Verweigerung in Ausblick stellt.

Jennifer Rojahn


Q
1 Vgl. Maset 2001, S. 14.
2 Vgl. ebd.
3 Sloterdijk 2015, S. 23f.
L
Maset, Pierangelo: Kunst, Praxis, Pädagogik. Ästhetische Operationen in der
Kunstvermittlung. Lüneburg 2001.
Sloterdijk, Peter: Stress und Freiheit. Berlin 2015.
Die Zwischenüberschriften entstammen den Songtexten von »Simply the
Best« (1991) von Tina Turner, »Hero« (2012) von Family of the Year sowie
»Stress und Freiheit« von Peter Sloterdijk.
A
Beitragsbild: Arbeit von Jorinde Voigt in der Werkstatt von Stämpfli Racing
Boats. Foto: Jennifer Rojahn.
Abb (v.l.n.r.): Gelegenheit zum gemeinsamen Singen? Fotos: Anell Bernard,
Miriam Döring, Anell Bernard.